Weisse Geister Die historischen Ereignisse Der Film Pressetext ARTE Das Team
04.10.2004
Interview: Frank Willmann, veröffentlicht am 4.10.2004 in http://www.jungewelt.de

Vor 100 Jahren begann der Völkermord an den Herero. Ein Gespräch mit dem Berliner Filmregisseur Martin Baer. * 
Am 2. Oktober jährte sich der Befehl zur blutigen Niederschlagung des sogenannten Herero-Aufstandes im heutigen Namibia (damals Deutsch-Südwest-Afrika) zum einhundertsten Mal. 100000 Hereros wurden hingemetzelt, nur 25000 überlebten. Der erste Völkermord des 20. Jahrhunderts. Martin Baer hat darüber den Dokumentarfilm »Weiße Geister« gedreht. In ihm begibt er sich mit seinem Protagonisten, dem Herero Israel Kaunatjike, auf eine gemeinsame Reise nach Namibia. Entstanden ist ein sehenswertes historisches Roadmovie.


F: Welche Rolle spielt der Vernichtungskrieg gegen die Herero heute in Deutschland?

Was in den letzten Jahrzehnten in Deutschland eigentlich nur Historiker kümmerte, erfuhr vor knapp drei Jahren durch die französische und englische Presse mehr Aufmerksamkeit, auch hierzulande. Die Hereros fordern von Deutschland eine Entschuldigung und Entschädigung. Das hat dazu beigetragen, daß die Regierung sich vor kurzem zu einer offiziellen Entschuldigung für die in deutschem Namen begangenen Verbrechen durchgerungen hat.

F: Was reizt Sie an dieser Thematik?

Man übersieht leicht, daß die Erinnerung an die Kolonien und insbesondere an so einschneidende Ereignisse wie den Krieg gegen Herero und Nama in Deutschland im Laufe der letzten einhundert Jahre immer wieder belebt wurde. Schon während des Krieges gegen die Herero erschien eine Vielzahl von Büchern darüber. Man verarbeitete die Ereignisse in autobiografischen Erinnerungen, Romanen, in Kinder- und Jugendbüchern. Nach dem Verlust der Kolonien als Folge des verlorenen Ersten Weltkrieges gab es eine Flut von Veröffentlichungen. Manches davon wirkt sozusagen unterhalb des bewußten Erinnerns bis heute nach. Viele werden das Lied »Heiß brennt die Äquatorsonne ...« kennen, es wird bis heute auf Schulausflügen gesungen. Tm Text des Liedes kommen die Ovambo vor (die in Südwestafrika leben), und die »Tanganjika-Sümpfe« (eine Anspielung auf das ehemalige »Deutsch-Ostafrika«). Aber wer weiß das heute noch?

Zwar hat Deutschland seine Kolonien vor allen anderen Kolonialmächten verloren, nämlich 1918, aber gerade deswegen konnten die Deutschen es vermeiden, sich kritisch mit dem Kolonialismus zu befassen. Es gab keine Befreiungskämpfe. Man kann sagen, die Deutschen wurden nach 1945 entnazifiziert aber nicht entkolonialsiert.

F: Wie kam es zum Film »Weiße Geister«?

Je mehr ich mich mit der kolonialen Vergangenheit Deutschlands beschäftigte, desto mehr habe ich auch über die besonders dramatischen und für die afrikanischen Völker verheerenden Kriege erfahren. Im nächsten Jahr jährt sich der Beginn des sogenannten Maji-Maji-Aufstandes, der in Ostafrika etwa einer Viertel Million Menschen das Leben kostete. Um diese Geschichte auf eine Art zu erzählen, die zugleich etwas über das Verhältnis von Deutschen und Namibiern heute und über ihren Umgang mit der Erinnerung sagt, habe ich jemanden gesucht, der auf doppelte Weise mit der Vergangenheit zu tun hat. Israel Kaunatjike ist ein Berliner aus Namibia, ein Herero, der in Deutschland lebt.

F: Die Herero in Ihrem Film reden erstaunlich gelassen über die Vergangenheit.

Es gibt verschiedene Arten, Geschichte zu bewahren: Man kann Denkmäler bauen, man kann historische Werke schreiben, und man kann Geschichte erzählen. Die mündliche Überlieferung ist in vielen afrikanischen Kulturen sehr wichtig. Nachdem vier Fünftel der Herero im Krieg, auf der Flucht oder in den deutschen Lagern umgekommen waren, wurde die mündliche Überlieferung wohl noch wichtiger. Die eigene Geschichte zu bewahren und dabei auch die große Katastrophe von 1904 zu beschreiben war Teil des Widerstands gegen die koloniale Politik, deren Ziel die Vernichtung der Herero-Identität war. Die Deutschen versuchten systematisch, die Herero-Kultur auszulöschen: sogar der Besitz schriftlicher Aufzeichnungen war den überlebenden Herero verboten. Für die Herero ist es schon ein Erfolg, wenn die deutsche Öffentlichkeit sie bemerkt. Für eine juristische »Lösung« des Falle – sollte es jemals eine geben – werden Gerichte viele Jahre brauchen. Es ist bezeichnend, daß es in diesem Jahr immer wieder widersprüchliche Meldungen über ein angebliches Ende des Prozesses, eine Rücknahme der Klage usw. gab.

F: Warum haben Sie die spontane Frage einiger Herero nach Ihrer persönlichen Verantwortung und Wiedergutmachung nicht aus dem Film genommen?

Das ist mein dritter Film zum Thema »Deutschland/Deutsche und Afrika/ Afrikaner«. Es war ein guter Moment, als die beiden Namibier die Interview-Situation umdrehten und anfingen, mir Fragen zu stellen. Auch wenn es mir etwas peinlich ist, mich selbst im Film zu sehen, wie ich verwirrt reagiere und mich um eine klare Antwort herumdrücken will – es ist wunderbar, wenn diese Rollenverteilung »Ich komme nach Afrika und filme euch und zeige den Deutschen, was ihr denkt«, wenn das einmal aufgebrochen wird.

* »Weiße Geister«, Regie: Martin Baer, BRD 2004, 75 Minuten; zu sehen: 10.10. Berlin, 20 Uhr Haus der Kulturen der Welt; 19.10. Hamburg, 19 Uhr im Metropolis Kino, Dammtorstr. 30a (22.10., 17 Uhr); www.weissegeister.de

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