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Völkermord in Südwestafrika
Frank Willmann im Gespräch mit Martin Baer, veröffentlicht am 4.10.2004 in http://www.satt.org

"Ich der große General der deutschen Soldaten sende diesen Brief an das Volk der Herero: Die Herero sind nicht mehr deutsche Untertanen. Sie haben gemordet, gestohlen, haben verwundeten Soldaten Ohren und Nasen und andere Körperteile abgeschnitten und wollen jetzt aus Feigheit nicht mehr kämpfen. Das Volk der Herero muss jedoch das Land verlassen. Wenn das Volk dies nicht tut, so werde ich es mit dem Groot-Rohr (Geschütz) dazu zwingen. Innerhalb der deutschen Grenzen wird jeder Herero mit und ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen, ich nehme keine Weiber und Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volk zurück, oder lasse auf sie schießen. Dies sind meine Worte an das Volk der Herero. Der große General des mächtigen Kaisers, von Trotha."
Aus dem berüchtigten Vernichtungsbefehl des obersten kaiserliche Soldaten in Deutsch-Südwestafrika, Generalleutnant von Trotha (2. Oktober 1904).

In diesem Jahr jährt sich die blutige Niederschlagung des Herero-Aufstandes zum einhundertsten Mal. Er gilt als der grausamste aller Feldzüge, die das Kaiserreich je in seinen Kolonien geführt hat. Die Zahl der Opfer liegt bei 100.000 Menschen. Das waren fast 80 Prozent der zu jener Zeit lebenden Hereros. Historiker werten heute die Ereignisse als den ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts.
Für das Volk der Hereros ist klar: das war ein Genozid.

Einer der wenigen Deutschen, der sich mit jenen schrecklichen Ereignissen des Kolonialkriegs kritisch auseinandersetzt, ist der Filmemacher Martin Baer. Sein Film "Weiße Geister" ist eine erstaunlich subjektive Betrachtung des Kolonialkriegs. In seinem Dokumentarfilm begibt er sich mit seinem Protagonisten, dem Herero Israel Kaunatjike, auf eine gemeinsame Reise nach Namibia. Israel Kaunatjike hat gegen die Apartheid in Namibia gekämpft und lebt seit vielen Jahren im deutschen Exil. Er ist noch immer politisch aktiv. Während der Drehreisen kommt Kaunatjike einem lange gehüteten Familiengeheimnis auf die Spur, er hat zwei deutsche Großväter. Wie es zu den Schwangerschaften kam, bleibt ungeklärt. Auch Martin Baers Familienbaum hat einen Ableger in Namibia. Das führt im Film zu einigen schwierigen Fragen, denen Baer nicht ausweicht. Entstanden ist ein mutiges, unbedingt sehenswertes und an einigen Stellen sehr überraschendes "historisches Roadmovie".
Frank Willmann sprach aus diesem Anlass mit dem Regisseur Martin Baer.

Frank Willmann: Welche Rolle spielt der Vernichtungskrieg gegen die Herero heute in Deutschland?

Martin Baer: Was in den letzten Jahrzehnten in Deutschland eigentlich nur Historiker kümmerte, hat nicht zuletzt durch die öffentlichkeitswirksame Kampagne der Herero für ihre Forderung nach Entschuldigung und ihre Entschädigungsklage in diesem Jahr zu internationaler Aufmerksamkeit für das Thema "Kolonialkrieg 1904" geführt. Als die französisch- und besonders die englischsprachige Presse vor etwa drei Jahren begann, über die Anliegen der Herero zu berichten, war keineswegs klar, dass die deutsche Öffentlichkeit davon Notiz nehmen würde. Aber in diesem Jahr ist das geschehen. Das hat wohl dazu beigetragen, dass die Regierung sich vor kurzem zu einer offiziellen Entschuldigung für die in deutschem Namen begangenen Verbrechen durchgerungen hat.

Frank Willmann: Woher kommt ihr Interesse für die deutsche Kolonialgeschichte? Was reizt Sie an dieser Thematik?

Martin Baer: Dass die deutsche Kolonialvergangenheit hierzulande bisher zu wenig Aufmerksamkeit gefunden hat, ist allgemein bekannt und wird immer wieder beklagt. Dabei übersieht man aber leicht, dass die Erinnerung an die Kolonien und insbesondere an so einschneidende Ereignisse wie den Krieg gegen Herero und Nama in Deutschland im Laufe der letzten einhundert Jahre immer wieder und teilweise sehr intensiv belebt wurde. Schon während des Krieges gegen die Herero erschienen eine Vielzahl von Büchern darüber. Man verarbeitete die Ereignisse in autobiografischen Erinnerungen, in Romanform, in Kinder- und Jugendbüchern. Nach dem Verlust der Kolonien als Folge des verlorenen ersten Weltkrieges gab es eine Flut von Veröffentlichungen. Manches davon wirkt sozusagen unterhalb des bewussten Erinnerns bis heute nach. Viele werden das Lied "Heiss brennt die Äquatorsonne..." kennen, es wird bis heute auf Schulausflügen gesungen – und im Text des Liedes kommen die Ovambo vor (die in Südwestafrika leben), und die "Tanganjika-Sümpfe" (eine Anspielung auf das ehemalige "Deutsch-Ostafrika"). Aber wer weiß das heute noch? Zwar hat Deutschland seine Kolonien vor allen anderen Kolonialmächten verloren, nämlich 1918, aber gerade deswegen konnten die Deutschen es vermeiden, sich jemals kritisch mit dem Kolonialismus zu befassen. Die schmerzlichen und häufig blutigen und langwierigen Entkolonialisierungsprozesse, die Großbritannien, Frankreich, Belgien, Portugal durchmachen mussten, blieben den Deutschen erspart. Als nach dem Zweiten Weltkrieg die Aufarbeitung der Verbrechen des Holocaust den Rest der Geschichte zur Nebensache machte, wurde die Erinnerung an die deutschen Kolonien zu einem völlig verkürzten und vereinfachten Teil einer "Guten alten Zeit" vor 1914. Kurz: die Deutschen wurden entnazifiziert, aber nicht entkolonialisiert.

Frank Willmann: Wie kam es zur Entstehung Ihres Films?

Martin Baer: Je mehr ich mich mit der kolonialen Vergangenheit Deutschlands beschäftigte, desto mehr habe ich auch über die besonders dramatischen und für die betroffenen afrikanischen Völker verheerenden Kriege erfahren, die nun genau hundert Jahre zurück liegen. (Anmerkung: Im nächsten Jahr jährt sich der Beginn des sogenannten Maji-Maji-Aufstandes, der in Ostafrika etwa einer Viertel Million Menschen das Leben kostete.) Solche Jahrestage sind ein guter Anlass, einer größeren Öffentlichkeit etwas über diese Geschichte zu erzählen.

Frank Willmann: Warum nahmen sie Israel Kaunatjike mit auf die Reise?

Martin Baer: Um diese Geschichte von vor einhundert Jahren auf eine Art zu erzählen, die zugleich etwas über das Verhältnis von Deutschen und Namibiern heute und über ihren Umgang mit der Erinnerung sagt, habe ich jemanden gesucht, der auf doppelte Weise mit der Vergangenheit zu tun hat. Israel Kaunatjike ist ein Berliner aus Namibia, ein Herero, der in Deutschland lebt.

Frank Willmann: Was erfährt er im Laufe der Reise über seine Großväter? Wie geht er damit um?

Martin Baer: Dass Israel auch aufgrund seiner persönlichen Familiengeschichte mit den Ereignissen zu tun hat, habe ich tatsächlich erst während der Reise erfahren. Er wusste natürlich schon, dass er weiße, nämlich deutsche Großväter hat, aber er hat das nie zum Thema gemacht. Erst die Dreharbeiten haben ihn motiviert und ermutigt, diesem Teil seiner eigenen Geschichte nachzuspüren. Man kann nachvollziehen, dass diese Beschäftigung mit der eigenen Familiengeschichte eine schmerzliche Sache sein kann und dass es Israel keineswegs leicht fiel, damit anzufangen. Er wusste ja auch nicht, was er alles zutage förden würde.

Frank Willmann: Die Herero in ihrem Film reden erstaunlich gelassen über die Vergangenheit, warum?

Martin Baer: Es gibt verschiedene Arten, Geschichte zu bewahren. Man kann Denkmäler bauen, man kann historische Werke schreiben, und man kann Geschichte erzählen. Letzteres, die mündliche Überlieferung, ist in vielen afrikanischen Kulturen sehr wichtig. Nachdem vier Fünftel der Herero im Krieg, auf der Flucht oder in den deutschen Lagern umgekommen waren, wurde die mündliche Überlieferung wohl noch wichtiger. Nur durch sie konnte das Volk der Herero hoffen, nicht völlig unterzugehen. Die eigene Geschichte zu bewahren und dabei auch die große Katastrophe von 1904 zu beschreiben war Teil des Widerstands gegen die koloniale Politik, deren Ziel die Vernichtung der Herero-Identität war. (Anmerkung: Die Deutschen versuchten systematisch, die Herero-Kultur auszulöschen – sogar der Besitz schriftlicher Aufzeichnungen war den überlebenden Herero verboten.)

Frank Willmann: Die Herero fordern seit Jahren eine finanzielle Entschädigung für die kolonialen Verbrechen. Das tun sie auch in ihrem Film. Gibt es Aussicht auf Erfolg?

Martin Baer: Teilweise hatten die Herero schon Erfolg, indem Deutschland und die deutsche Öffentlichkeit ihren Forderungen endlich Gehör schenkt. Für eine juristische "Lösung" des Falle - sollte es jemals eine geben – werden Gerichte viele Jahre brauchen. Es ist bezeichnend, dass es in diesem Jahr immer wieder widersprüchliche Meldungen über ein angebliches Ende des Prozesses, eine Rücknahme der Klage usw. gab. Ich kann nur vermuten, dass diese Art von Wiedergutmachungsprozessen so lange weiter gehen werden, so lange es zum einen weitgehend verdrängte oder von den ehemaligen Kolonialmächten geleugnete Verbrechen und zum anderen eine riesige Ungerechtigkeit gibt, was die Verteilung des Wohlstandes in unserer heutigen Welt angeht. Viele Menschen in der Welt fühlen sich zu recht doppelt gedemütigt. Sie sind die Nachkommen der versklavten oder hingemordeten Opfer jener Ausbeutung, auf welcher der Reichtum des Nordens begründet ist – und die Nachkommen der Täter weigern sich bis heute, die Geschichte wahrzunehmen, von Entschuldigung ganz zu schweigen.

Frank Willmann: Im Film kommen auch deutschstämmige Farmer von heute zu Wort. Wie ist deren Haltung (bzw. die Haltung der deutschstämmigen) zum Hererokrieg?

Martin Baer: Es wäre zu einfach, allen "deutschstämmigen" Namibiern – und nicht wenige bezeichnen sich ja mit Stolz als Namibier, manche haben aktiv am Kampf für die Befreiung teilgenommen – pauschal vorzuwerfen, dass sie die historischen Ereignisse nicht sehen wollen oder die Forderungen der Herero nicht ernst nehmen würden. Innerhalb der Gruppe der deutschsprachigen Namibier gibt es ein weites Spektrum von Ansichten. Für die Deutsch-Namibier ist die Sache natürlich schwieriger als für uns Deutsche hier, denn sie haben etwas zu verlieren. Das macht die einerseits misstrauisch und vorsichtig, es führt aber andererseits auch zu der Einsicht, dass man sich der Diskussion mit den Herero nicht entziehen kann.

Frank Willmann: Warum haben sie die spontane Frage einiger Herero nach persönlicher Verantwortung und Wiedergutmachung nicht aus dem Film genommen?

Martin Baer: Das ist mein dritter Film zum Thema "Deutschland/Deutsche und Afrika/Afrikaner". Es war ein guter Moment, als die beiden Namibier die Interview-Situation umdrehten und anfingen, mir Fragen zu stellen. Auch wenn es mir etwas peinlich ist, mich selbst im Film zu sehen, wie ich verwirrt reagiere und mich um eine klare Antwort herumdrücken will – es ist wunderbar, wenn diese Rollenverteilung "ich komme nach Afrika und filme euch und zeige den Deutschen, was ihr denkt", wenn das einmal aufgebrochen wird.

Frank Willmann: Wieso erscheinen die männlichen Herero zu ihren Gedenkfeiern in den Uniformen ihrer ehemaligen Feinde?

Martin Baer: "Wenn Du die Kleidung des Feindes trägst, machst Du Dir seine Kraft zueigen" – sagen die Herero, und das ist ein Teil der Erklärung für den eigenartigen Brauch. Die Herero haben schon im neunzehnten Jahrhundert angefangen, militärisches Zeremoniell, Drill und Uniformen von den Europäern zu übernehmen. Dass daraus nach 1915 eine regelrechte Tradition, die sogenannte "Bewegung der Truppenspieler" wurde, ist ein sehr interessantes Phänomen und hat wohl verschiedene Ursachen. Es ist gar nicht so einfach mit den Uniformen, denn es sind keineswegs originale deutsche Schutztruppen-Uniformen. Die Herero haben Elemente der britischen und südafrikanischen Truppen verarbeitet und ganz eigenes hinzu gefügt.

Frank Willmann: Wieso stehen heute in Namibia noch immer die alten deutschen Kolonialdenkmäler?

Martin Baer: Israel Kaunatjike sagt dazu: Wir sind viel toleranter als die Europäer. Ich glaube, er hat recht. Die Namibier, die Herero besonders, sind bereit, die blutige Vergangenheit als Teil einer gemeinsamen Geschichte zu begreifen.

Frank Willmann: Wie wurde der Film in Deutschland aufgenommen?

Martin Baer: Gut, dass es gemacht werden konnte, solche Themen sind sehr schwer unter zu bringen. Ein Glück, dass es dafür Arte gibt, schade, dass es in Deutschland nur von wenigen eingeschaltet wird. Dafür gab es erstaunlich viel Post und viele Artikel. Nicht alle fanden den Film gut, aber das Echo ist überwiegend positiv. Besonders freut mich, dass in Deutschland lebende Afrikaner den Film gut finden.

Frank Willmann: Wie geht es filmisch weiter? Bleibt Afrika ein Thema? Wenn ja, was können wir in den nächsten Jahren von MB erwarten?

Martin Baer: Natürlich interessiert Afrika mich sehr. Ob ich allerdings einen Film über den erwähnten Maji-Maji-Aufstand machen werde, bezweifele ich jetzt eher. Es wäre nicht so gut, wenn ich meine Sichtweise auf das Thema "Kolonialgeschichte" zu oft wiederhole. Ich würde lieber andere ermutigen, sich mit dem Thema zu befassen, und selber etwas über das Hier-und-Jetzt machen. "Hier" könnte heißen: Afrikaner in Deutschland, afrikanische Deutsche, aus Afrika stammende Deutsche.


"Weiße Geister" soll auf der Konferenz "Kopfwelten" zwischen 14. und 16. Oktober in Königswinter, am 19. Oktober um 19 Uhr und am 22. Oktober um 17 Uhr bei "Hamburg Postkolonial", am 10. November um 20 Uhr im Berliner Haus der Kulturen der Welt bei "Black Atlantic", am 20. November um 15 Uhr und am 24. November (17.30 Uhr) beim One World Festival in Berlin gezeigt werden. Weitere Angaben und mehr Termine unter: www.weissegeister.de

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