Weisse Geister Die historischen Ereignisse Der Film Pressetext ARTE Das Team

Afrika unter der Pickelhaube

Deutschlands koloniale Vergangenheit

Redaktion: Kathrin Brinkmann, ZDF – ARTE Themenabende

Sendeablauf

22.40    "Weisse Geister" Der Kolonialkrieg gegen die Herero

23.55   „Gehet hin in alle Welt...“ Die deutsche Mission in Afrika

Pressetext

In Erwiderung auf die Landnahme durch die deutsche Kolonialmacht kam es im Januar 1904 zum Ausbruch des Kolonialkrieges im damaligen Deutsch-Südwestafrika. Bis ins Jahr 1908 führten zunächst die Herero, später auch die Nama, zwei der größten Volksgruppen des Landes, einen verzweifelten Kampf gegen die deutschen Kolonialherren und „Schutztruppen“.
Diese waren nach den Missionaren der Rheinischen Missionsgesellschaft nach Deutsch-Südwest gekommen und hatten den Herero, die als nomadisches Hirtenvolk von Rinderzucht lebten, sukzessive ihr Land abgenommen und sie in unfruchtbare Reservate verbannt. Der Kampf der Herero und Nama in „Deutsch-Südwest“, dem heutigen Namibia, und die „Befriedung" der Kolonie durch die deutschen Truppen entwickelte sich zu einem der blutigsten und verlustreichsten Kolonialkriege. 

Der von Häuptling Samuel Maharero angeführte Aufstand wurde von den deutschen Schutztruppen unter General Lothar von Trotha in der Schlacht am Waterberg am 11. und 12. August 1904 endgültig brutal niedergeschlagen. Jene Herero, die entkommen konnten, wurden in die Wüste Omaheke getrieben, wo die meisten von ihnen verdursteten. 
Die traurige Bilanz: Von den etwa 90.000 Herero kamen etwa drei Viertel ums Leben. Die wenigen Überlebenden wurden mit Hilfe der Rheinischen Mission in Lagern gesammelt, um ihre Arbeitskraft für die Kolonien zu erhalten. Die Herero durften fortan keine Rinder- oder Kleinviehherden besitzen. Auch das Landrecht wurde ihnen genommen. 
So traten sie als verarmte und abhängige Lohnarbeiter in den Dienst der Kolonialherren. Die Mission, die nach dem Ende des Krieges große Erfolge verzeichnete, blieb nach Ende der deutschen Kolonialzeit 1918 weiterhin in Namibia präsent. 

Vielen Historikern gilt der Kolonialkrieg in Deutsch-Südwestafrika als Vorläufer der Völkermorde des 20. Jahrhunderts. Trotzdem ist der Genozid an den Herero ein stark verdrängtes Kapitel der deutschen Geschichte. Anlässlich des Tages, an dem sich das Datum der „Schlacht am Waterberg“ zum hundersten Mal jährt, will der Themenabend „Afrika unter der Pickelhaube“ das schwarze Kapitel deutscher Kolonialgeschichte in Afrika beleuchten.

Im ersten Film des Abends, „Weisse Geister“, erkundet der Berliner Filmemacher Martin Baer die Geschichte und die Folgen des Kolonialkriegs gegen die Herero. Der Kameruner Filmemacher Jean Marie Teno beschäftigt sich im darauffolgenden Film „Gehet hin in alle Welt...“ mit dem Verhältnis von deutschem Kolonialismus und christlicher Mission in Afrika.

DIE FILME

22.40 Uhr
Weisse Geister - Der Kolonialkrieg gegen die Herero
Dokumentarfilm, 70 Minuten
Buch und Regie: Martin Baer
Deutschland 2004
Deutsche und französische Erstausstrahlung


Die Geschichte des deutschen Kolonialreiches dauerte nur 30 Jahre, eine im europäischen Vergleich derart kurze Zeitspanne, dass sich bis heute der Eindruck gehalten hat, die Kolonialherrschaft sei nur eine unbedeutende Episode in der deutschen Geschichte gewesen. Dabei gehörte der Kolonialkrieg gegen die Herero zu den blutigsten und folgenreichsten Kriegen der gesamten Kolonisierung Afrikas. 

Im September 2001 verklagte die Herero People Reparations Corporation einige deutsche Unternehmen (darunter die Deutsche Bank) und die Deutsche Bundesregierung vor einem amerikanischen Gericht auf jeweils US $ 2 Milliarden Reparationszahlung an das Volk der Herero, zum einen wegen der Besitztümer, die seinem Volk gestohlen wurden, zum anderen für den Völkermord, den das deutsche Kaiserreich in seiner Kolonie Deutsch-Südwest nach der Schlacht am Waterberg von 1904 an den Herero begangen hat. Den Herero unter Führung des Paramount Chiefs Riruako geht es dabei nicht nur um Geld, sondern auch um eine Anerkennung ihrer kulturellen Identität. 

Anläßlich des 100. Jahrestags des Kolonialkrieges in Südwestafrika werden die Ereignisse in diesem Jahr sehr angeregt diskutiert. Handelte es sich um einen geplanten Völkermord, können die Herero Reparationszahlungen fordern? 

Mit sieben Prozent Bevölkerungsanteil sind die Herero im heutigen Vielvölkerstaat Namibia eine verarmte Minderheit, die politisch wenig Einfluss hat. Auch 100 Jahre nach den Ereignissen befindet sich der größte Teil des einstigen Herero-Landes noch immer im Besitz deutscher Farmer. Obwohl die deutsche Kolonialzeit schon zu Beginn des ersten Weltkrieges beendet war und Namibia bis zu seiner Unabhängigkeit 1989 unter dem Mandat Südafrikas stand, sind die Deutschen in der ehemaligen Kolonie immer präsent geblieben und haben einen relativ großen Einfluss auf die Politik und Wirtschaft des Landes behalten. Etwa 25.000 Deutschstämmige leben im heutigen Namibia. Sie bilden 1,2 Prozent der Gesamtbevölkerung.

Der Berliner Filmemacher Martin Baer und sein Freund Israel Kaunatijke, ein ebenfalls in Berlin lebender Herero, sind gemeinsam nach Namibia gereist, auf den Spuren der kolonialen Vergangenheit und ihren Auswirkungen heute. Sie möchten herausfinden, wie die Herero die Erinnerung an die Katastrophe ihrer Niederlage verarbeitet, überliefert und wachgehalten haben und welches Verhältnis die Deutschen zu ihrer zunächst als Sieg gefeierten, dann als verbrecherisch verdammten Geschichte entwickelt haben. Dabei entdecken sie, dass ihre eigenen Familiengeschichten viel mehr mit dieser Vergangenheit verstrickt sind, als sie bisher wussten....
Der Dokumentarfilm „Weisse Geister“ fragt nach den Folgen des Kolonialkriegs und erkundet, wie sich die Beziehungen zwischen den Nachfahren der Kolonisten und den Nachfahren der Kolonisierten heute gestalten. 

23.55 Uhr
“Gehet hin in alle Welt…”
Die deutsche Mission in Afrika
Dokumentarfilm, 55’ 
Buch und Regie: Jean Marie Teno
Deutschland/Frankreich 2004
Deutsche und französische Erstausstrahlung

„Als die ersten Missionare nach Afrika kamen, besaßen sie die Bibel und wir das Land. Sie forderten uns auf zu beten. Und wir schlossen die Augen. Als wir sie wieder öffneten, war die Lage genau umgekehrt: Wir hatten die Bibel und sie das Land“ , bemerkte der frühere Erzbischof von Kapstadt und Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu einmal und deutet damit die Verwobenheit von Mission und Kolonialismus an. 

Als die „Rheinische Missionsgesellschaft“ 1828 im heutigen Wuppertal gegründet wurde, geschah dies in der hehren Absicht, die christliche Botschaft zu verbreiten. Mit Briefen, Zeichnungen, Photos und seit den 1920er Jahren auch mit Filmen, berichteten die Missionare den Gemeinden in der Heimat vom Leben der „Heiden“ und deren seltsamen Bräuchen. Sie leisteten hiermit einen wichtigen Beitrag zum Bild Europas vom „schwarzen Kontinent“.

Der Rheinischen Missionsgesellschaft in Deutschland kam im Lauf des 19. Jhd. eine immer größere politische Bedeutung zu. Leitender Inspektor der Rheinischen Mission von 1857 bis 1884 war Friedrich Fabri. Engagiert auch in der sozialen Frage, sah er die Lösung der Probleme von Bevölkerungswachstum und Verelendung in Deutschland in einer gelenkten Auswanderung. 1879 erschien seine Broschüre „Bedarf Deutschland der Kolonien?“. Sie war der Beginn einer massiven Agitation von Expansionsbegeisterten in Deutschland . Nicht zuletzt ist es dieser lautstarken Propaganda zu verdanken, dass der Wahlkampf im Jahr 1884 mit dem Begriff des Kolonialfiebers geführt wurde und Bismarck seine zunächst ablehnende Haltung gegenüber einer Kolonisation aufgab. 

Das propagandistische Wirken von Friedrich Fabri und einigen anderen Missionaren führte schließlich dazu, dass in Deutschland und seinen Kolonien Mission und Kolonialpolitik immer enger zu einer Symbiose zusammenwuchsen, so wie es der Nachfolger Bismarcks Caprivi am 12. 5. 1890 im Reichstag formulierte: "Wir müssen zunächst einzelne Stationen im Inneren schaffen, von denen aus der Missionar, so gut wie der Kaufmann wirken kann; und die Flinte und die Bibel müssen hier miteinander wirken ...".

Die Geschichte der Rheinischen Mission und ihr widersprüchliches Engagement, vor allem in Deutsch-Südwest, erkundet der Kameruner Filmemacher Jean-Marie Teno auf seiner Reise durch die ehemaligen deutschen Kolonien. Sie führt ihn von Wuppertal nach Namibia, Südafrika, Kamerun, Togo und in sein Heimatland Kamerun. Sein Film rekonstruiert Geschichte in ihrer Dialektik zwischen christlichem „Ethos“, kaufmännisch-kolonialen Interessen und den traumatischen Erlebnissen der Missionierten. Wie konnte es zu jenem „kolonialen Missverständnis“ kommen und wie virulent ist es bis heute? Die Ergebnisse afrikanischer und europäischer Wissenschaftler, Missionsmitarbeiter und Historiker werden ergänzt durch persönliche Erlebnisse dieser Geschichte bis in unsere postkoloniale Gegenwart.

In „Gehet hin in alle Welt...!“ entwirft Jean Marie Teno ein vielschichtiges und komplexes Bild deutscher Missionstätigkeit in Afrika aus einer für ein europäisches Publikum ungewöhnlichen Perspektive: der afrikanischen Perspektive.

Jean Marie Teno
Der 1954 in Kamerun geborene Filmemacher Jean-Marie Teno 
lebt seit 1977 in Frankreich. 
Filmographie : 
- Le dernier voyage, Dokumentarfilm 1990
- Mister Foot, Dokumentarfilm 1991
- Afrique je te plumerai/Die Macht der Wörter, Dokumentarfilm (ZDF/DKF) 1992
- La tete dans les nuages, Dokumentarfilm 1994
- Clando, Spielfilm 1996
- Chef!, Dokumentarfilm 1999
- Vacances aux pays / Ferien in der Heimat, Dokumentarfilm (ZDF/ARTE) 2000 
- Le marriage d’Alex , Dokumentarfilm 2002

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