"Eine Kopfjagd"
Auf der Suche nach dem Schädel des Sultans Mkwawa

Dieser Film dokumentiert die Geschichte der deutschen Kolonie Deutsch-Ostafrika von den 80er Jahren des 19.Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg. Er zeigt, was nach der deutschen Kapitulation aus Tanganjika wurde und wie die Deutschen mit den Hinterlassenschaften ihrer Kolonialepoche umgingen. Der Film erzählt eine sehr merkwürdige Begebenheit aus jener Zeit...

Der Ort im heutigen Tansania an dem sich Sultan Mkwawa das Leben nahm

Cast, Museen und Archive, Dank an

DIE IDEE ZU DIESEM FILM

Bei der Arbeit an dem Film "Befreien Sie Afrika!" im Jahre 1996 stieß ich in Joseph Ki-Zerbos "Geschichte Schwarz-Afrikas" auf eine Passage über die Kolonie "Deutsch-Ostafrika":

...Nachdem in den Jahren bis 1891 Major von Wißmann und Karl Peters bei der "Pazifikation" in Ostafrika zahlreiche Städte und Ortschaften zerstört und Tausende getötet hatten, erhoben sich die Hehe im Südwesten Tanganjikas. "Mit ihrem Häuptling Mkwawa an der Spitze fügten die Hehe der 1000 Mann starken Armee, die die Deutschen gegen sie marschieren ließen, eine empfindliche Niederlage zu. Drei Jahre lang bot Mkwawa ihnen die Stirn. Dann im Jahre 1894 konnte ein zweites deutsches Heer nach einem erbitterten Schlachtengetümmel seine Hauptstadt Kalinga einnehmen. 

Mkwawa gelang es zu entkommen. Obwohl auf seinen Kopf ein hoher Preis ausgesetzt war, wurde er von seinen Untertanen achtsam versteckt gehalten. So begann er mit bewährter Unerschrockenheit, den Guerillakampf zu führen bis zu dem Tag, als er sich, von den Deutschen umzingelt, selbst den Tod gab (1898). Sein abgeschlagenes Haupt schickte man nach Deutschland. 1954 soll es auf Anfrage der Hehe zurückgebracht worden sein."

"Sein abgeschlagenes Haupt schickte man nach Deutschland"? Ich glaubte zuerst, nicht richtig gelesen zu haben. Die deutschen Kolonialherren als Kopfjäger? "1954 soll es zurückgebracht worden sein"? Um was für eine bizarre Geschichte handelte es sich hier? Ich begann, mich für die Geschichte Deutsch-Ostafrikas und besonders die des "Sultans Mkwawa" zu interessieren.

IN DEN ARCHIVEN...

Die Suche nach Informationen über das Schicksal Mkwawas und über den Weg, den der Schädel des Sultans von Afrika nach Deutschland genommen hatte, gestaltete sich nicht einfach. Ki-Zerbo und andere Historiker erwähnen den Aufstand der Hehe, viel mehr als oben zitiert stand aber dort nicht. Zunächst fand ich den Namen Mkwawas in zwei Dokumenten, in denen ich ihn am allerwenigsten erwartet hätte: in einem vor einigen Jahren in den Niederlanden veröffentlichten Comic-Strip mit dem Titel "De Schedel van Sultan Mkwawa" – und im Versailler Vertrag.

Peace Treaty of Versailles

Articles 231-247 and Annexes, Reparations
PART VIII.
, REPARATION. 
SECTION l.
ARTICLE 246.

Within six months from the coming into force of the present Treaty, Germany will restore to His Majesty the King of the Hedjaz the original Koran of the Caliph Othman, which was removed from Medina by the Turkish authorities and is stated to have been presented to the ex-Emperor William II.

Within the same period Germany will hand over to His Britannic Majesty's Government the skull of the Sultan Mkwawa which was removed from the Protectorate of German East Africa and taken to Germany.

The delivery of the articles above referred to will be effected in such place and in such conditions as may be laid down by the Governments to which they are to be restored.

Als nach dem Ende des Ersten Weltkrieges „Deutsch-Ostafrika" faktisch in den Besitz der Engländer übergeht, legen die Alliierten im Versailler Vertrag fest, dass "der Schädel des Sultans Makaua ... von Deutschland der Regierung seiner Britischen Majestät zu übergeben (ist)."

Die Dokumente in den Archiven und Bibliotheken enthalten nur wenige Hinweise, wo sich der Schädel des Sultans Mkwawa zu jener Zeit befand, sie zeigen aber, wie in Deutschland mit der kolonialen Vergangenheit umgegangen wurde. In Berlin, wo man dem Wochen nach dem Waffenstillstand aus Afrika zurückgekehrten, "im Felde unbesiegten" General Lettow-Vorbeck bei einem Triumphzug durchs Brandenburger Tor zujubelt, gibt es nach wie vor ein Kolonialministerium; wo der Schädel Mkwawas sei, teilt man den Engländern mit, das wisse man nicht. Die Wegnahme der Kolonien sei sowieso durch nichts zu rechtfertigen. In dieser Zeit nimmt die Legende von den Deutschen als den besseren, humaneren Kolonialherren ihren Anfang.

Es beginnt die Suche nach dem Schädel des Häuptlings. Eine bizarre Jagd nach einer makabren Trophäe. Den Namen Mkwawa kennt man in Europa noch, und in Deutschland melden sich ehemalige Schutztruppler, "Deutsch-Afrikaner" und Wichtigtuer zu Wort, die behaupten, etwas über den Verbleib des Schädels zu wissen.

Dass der Versailler Vertrag Forderungen der ehemaligen Kolonialvölker enthält, empfinden viele Deutsche als besondere Schmach, der Verlust der Kolonien gilt als gänzlich ungerechtfertigtes Ergebnis des Krieges. Lettow-Vorbecks Schutztruppler sieht man als Helden. Die Tropenuniformen, für die kein Bedarf mehr besteht, werden an eine Partei verkauft, die damit ihre "Schutz-Abteilung" einkleidet: so kommt die SA der NSDAP zu ihrem Namen "Braunhemden".

IN OSTAFRIKA...

Daß die Deutschen vor einhundert Jahren den Schädel des besiegten Feindes Mkwawa nach Berlin mitgenommen haben, das wissen die Menschen in Tansania heute noch. Man erinnert sich gut an die Geschichte des Widerstands der Hehe und ihres Sultans Mkwawa gegen die Kolonialeroberer. Straßen, Plätze, Schulen sind nach dem Nationalhelden benannt. In Iringa, der Hauptstadt der Provinz Uhehe, führt die Mkwawa Road zur größten Oberschule Tansanias, der "Mkwawa High School".

Zunächst hofften wir, in Iringa einen Geschichtslehrer oder Historiker zu finden, der uns die Geschichte Mkwawas aus afrikanischer Sicht erzählen könnte. Doch während der Recherche lernten wir einen jungen Mann kennen, der sich schon seit langem und aus ganz persönlichen Gründen für die Hehe und Mkwawa interessiert: Is-Haka Mkwawa, einen Urenkel des Häuptlings. Als wir ihn mit ihm in Verbindung treten, studiert Is-Haka Informatik an der Universität von Hiroshima und ist gerade dabei, eine Website "mkwawa.com" einzurichten, auf der er die Geschichte seines Urgroßvaters darstellen will.

EINE FILMISCHE KOPFJAGD

Unser Film erzählt diese Geschichte aus der Perspektive Is-Haka Mkwawas, der sich auf eine Reise durch Tansania und Deutschland begibt. Dabei besucht Is-Haka die Orte, an denen Deutsche und Wahehe vor nunmehr 110 Jahren zum ersten Mal aufeinandertrafen, an denen sein Urgroßvater den Widerstand organisierte, an denen die Wahehe zunächst spektakuläre Siege und schließlich vernichtende Niederlagen erlebten, wo Sultan Mkwawa – vom deutschen Gouverneur inzwischen zum "Reichsfeind" erklärt – schließlich umkam.

In Deutschland reist Is-Haka zu den Archiven und Museen, in denen er Dokumente oder sonstige Hinweise zu finden hofft, die Aufschluß darüber geben könnten, wo der Schädel des Sultans Mkwawa in den Jahrzehnten nach 1898 war. Bei unserer gemeinsamen Suche haben wir mit zahlreichen Wissenschaftlern sprechen und für die Öffentlichkeit sonst nicht zugängliche Museumsdepots und "Anthropologische Sammlungen" aufsuchen und filmen können. Die Besuche in den "Schädelmagazinen" deutscher Museen erinnern eindringlich an ein bis heute weitgehend verdrängtes Kapitel der Wissenschaftsgeschichte.

Indem er Schritt für Schritt die jahrzehntelange Suche des Volkes der Hehe nach dem Schädel ihres legendären Häuptlings nachvollzieht, entwirft Is-Haka Mkwawa ein Bild der Geschichte „Deutsch-Ostafrikas" und der deutsch-tansanischen Beziehungen in postkolonialer Zeit. Zugleich spiegelt seine Suche den Umgang des modernen Tansania mit der Vergangenheit und die Suche nach den eigenen Wurzeln und der eigenen Identität.

Dreharbeiten in Tansania

Dreharbeiten in Tansania

Dreharbeiten in Tansania

Dreharbeiten in Tansania

In Tansania

 

Cast, Museen und Archive, Dank an




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